Hagebutte – Juckpulver und Heilpflanze

Ein Männlein steht im Walde – in diesem berühmten Rätsellied von Hoffmann von Fallersleben aus dem Jahr 1843 steht die Hagebutte im Mittelpunkt. Sonst führt die Wald- und Wiesenfrucht eher ein beschauliches Dasein und wird oft übersehen und verkannt. Dabei darf die Hagebutte, die auch unter der Bezeichnung Rosenapfel oder Mehlbeere firmiert, getrost zu den heimischen „Superfoods“ gezählt werden. Die scharlachroten Beeren, bei denen es sich eigentlich nur um Scheinfrüchte handelt, sind ein echter Alleskönner, der Erkältungen vorbeugt, bei Knie- und Hüftarthrose Linderung verschafft und sogar Falten mildert. Seit einiger Zeit werden die Früchte der Hagebuttensträucher wiederentdeckt. Wir erklären Dir, warum das längst überfällig ist und was Gutes in den Mehlbeeren steckt. Wenn Du bisher nur den Hagebuttentee kennst, wirst Du noch viel Neues entdecken.

Was sind Hagebutten eigentlich?

Hagebutten sind die Früchte wild wachsender Rosen, insbesondere der Hundsrose (Rosa canina). Diese Pflanze heißt nicht etwa so, weil sie bei unseren Vierbeinern besonders beliebt ist. Vielmehr leitet sich der Name vom Adjektiv „hundsgemein“ ab, was soviel wie äußerst gewöhnlich bedeutet. Der etwas abfällige Name resultiert daraus, dass die genügsame Rosenart in Mitteleuropa fast überall wächst. Ihre bevorzugten Standort sind Feldraine und Waldränder, mittlerweile ist die Hundsrose aber auch schon in jedem Stadtpark zu finden und hat außerdem als Gartenhecke Karriere gemacht. In Gärten werden die Sträucher nicht nur wegen ihrer schönen Blüten und ihrer bunten Früchte geschätzt. Eine Hagebuttenhecke ist so undurchdringlich, dass es meistens keinen Zaun mehr braucht, um Haustiere drinnen und Wildtiere draußen zu halten. Selbst professionelle Einbrecher scheuen die spitzen Dornen der zähen Gewächse, die ungestutzt bis zu drei Meter hoch werden können.

Die Pflanzenart ist in ganz Europa verbreitet, nur auf Island und in Finnland wachsen keine Hagebuttensträucher. In den Fokus der Wissenschaft gelangte die Wildrose erstmals im 18. Jahrhundert. Der Botaniker Carl von Linné widmete ihr 1753 ein Kapitel in seinem Standardwerk „Species Plantarum“. Für die armen Bevölkerungsschichten war die Hagebutte lange Zeit eine billige Nahrungsquelle. Heute wird die Wildrose wegen ihrer wunderschönen Blüten geschätzt, die Früchte werden vorwiegend für medizinische oder kosmetische Zwecke genutzt. Die wohltuende Wirkung des Wildrosenöls für die Haut hat mittlerweile sogar einen richtigen Boom ausgelöst. Eine ganze Reihe von Pflegemitteln auf Hagebuttenbasis versprechen einen makellosen Teint. Besonders hilfreich soll das Öl bei unreiner Haut und Aknenarben sein.

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In manchen Gegenden weiß man die Mehlbeeren aber immer noch als Lebensmittel zu schätzen. Besonders beliebt ist nach wie vor das Hagebuttenmark, das regional unterschiedlich auch als Hägenmark, Hiften- oder Hippenmark bezeichnet wird. Die Franken reden auch von Buttermost. Dabei handelt es sich um eine ganz besondere Konfitüre auf Basis von Hagebutten. Wenn Du das Hagebuttenmark noch nicht kennst, dann solltest Du es auf jeden Fall probieren. Auch als Aufguss ist die Hagebutte immer noch beliebt, kaum eine Früchteteemischung kommt ohne die roten Beeren aus.

Der Umgang mit der haarigen Frucht war für viele von uns aber nicht immer gerade angenehmen. Werden die Früchte der Heckenrose doch oft als Scherzartikel missbraucht. Mittlerweile wissen zwar die wenigstens Siebenjährigen noch, wie sich Juckpulver aus Mehlbeeren herstellen lässt, wer schon ein wenig älter ist, hat aber während seiner Grundschulzeit bestimmt Bekanntschaft mit den unangenehmen Seiten der Wildrose gemacht.

Was steckt Gutes in den Hagebutten?

Die Frucht ist vor allem als Lieferantin von Vitamin C bekannt, was ihr auch den Beinamen „Zitrone des Nordens“ eingebracht hat. Die Hagebutte hält aber noch einige andere Nähr- und Wirkstoffen parat. Dazu zählen insbesondere:

  • ätherische Öle
  • Fruchtsäuren
  • pflanzliche Polysaccharide (Pektine)
  • Gerbstoffe
  • Kieselsäure
  • Lycopin
  • Flavone
  • Provitamin A
  • Vitamin B1
  • Vitamin B2
  • Vitamin E sowie
  • zahlreiche Mineralstoffe (Kupfer, Zink, Eisen, Kalzium, Magnesium und Phosphor)

Hagebutten enthalten etwa 1.500 Milligramm Ascorbinsäure. Einige Varianten erreichen sogar den Spitzenwert von 5.000 Milligramm Vitamin C pro 100 Gramm Früchte. Dieser hohen Konzentration an Vitamin C wird auch ein Großteil der Heilwirkung zugeschrieben. Ascorbinsäure ist unverzichtbar für das Immunsystem und beugt so auch grippalen Infekten vor. Darüber hinaus hält Vitamin C die Haut schön straff und glatt. Das Vitamin ergänzt sich gut mit Silicium, einem wichtigen Bestandteil der Kieselsäure, die in Rosenäpfeln ebenfalls reichlich enthalten ist. Silizium ist ein essentielles Spurenelement und maßgeblich am Aufbau der schnell wachsenden Zellen beteiligt. Ein straffes Bindegewebe ist ohne Silizium ebenfalls nicht denkbar, weshalb Kieselsäure auch als Geheimwaffe im Kampf gegen Cellulite gilt. Mit zunehmendem Alter verringert sich die Siliziumkonzentration in unseren Zellen. Manche Forscher halten dies sogar für eine der Hauptursachen für den menschlichen Alterungsprozesse. Ob das stimmt, sei einmal dahingestellt, dass Silizium die Haut länger glatt und straff hält, gilt zumindest als erwiesen. Darüber hinaus profitieren die Zähne und die Knochen von einer ausreichenden Zufuhr dieses Mikronährstoffs.

Auch die übrigen Spurenelemente in der Frucht sind wichtig für unsere Gesundheit. Ohne Kupfer würden wir zum Beispiel ziemlich blass aussehen. Kupfer hilft dem Körper nicht nur dabei, rote Blutkörperchen zu bilden. Es ist auch ein unverzichtbarer Bestandteil bei der Produktion von Pigmenten, die Haut und Haaren ihre Farbe verleihen. Darüber hinaus braucht die Haut Kupfer für den natürlichen Sonnenschutz. Zink trägt ebenfalls zu einem schönen Teint bei und wird im Kampf gegen entzündliche Akne eingesetzt. Darüber hinaus funktioniert unser Immunsystem nur reibungslos, wenn ihm ausreichend Zink zur Verfügung steht. Eisen wirkt genau wie Kupfer blutbildend, allerdings brauchen wir vom Mineralstoff Eisen deutlich größere Mengen. Eisenmangel ist in Deutschland weit verbreitet und betrifft etwa ein Drittel aller Frauen, für die gerade während der Monatsblutung ein erhöhter Eisenbedarf besteht. Mehlbeeren sind eine gute Alternative, um den Eisenspiegel auf natürliche Weise zu erhöhen.

Pektine sind für den Menschen unverdauliche pflanzliche Polysaccharide. Pektine in der Nahrung wirken also wie Ballaststoffe und fördern die Verdauung. Auch aus diesem Grund sind die roten Früchte bei vielen Menschen beliebt. Der hohe Anteil an Fruchtsäuren und Provitamin A macht das Öl der Wildrosen außerdem für die Kosmetikindustrie interessant, die es als Anti-Aging-Wirkstoff einsetzt. Provitamin A ist aber auch bei innerlicher Anwendung eine Wohltat für unsere Gesundheit. Zum einen hilft es der Haut dabei, sich vor UV-Strahlen zu schützen. Zum anderen bekämpft es, genau wie Vitamin E, freie Radikale, die wesentlich an der Hautalterung beteiligt sind. Darüber hinaus ist Vitamin A unverzichtbar für gesunde Augen und ein Mangel daran der häufigste Grund für Nachtblindheit.

Bei all den tollen Wirkstoffen ist es nun wirklich kein Wunder, dass die Hagebutte ein Comeback feiert und als heimisches Superfood gehandelt wird. Besonders beliebt ist dabei das Hagebuttenpulver, das als Nahrungsergänzungsmittel Verwendung findet. Hagebuttenulver wird aus den getrockneten Früchten hergestellt und ist sehr vielseitig einsetzbar.

Die Hagebutte in der Volksmedizin

In der Naturheilkunde werden die Schalen und die als Nüsschen bezeichneten Samen der Früchte verwendet. Für homöopathische Mittel werden allerdings meist die frischen Blütenblätter der Heckenrose bevorzugt. Zu medizinischen Zwecken kommt insbesondere standardisiertes Hagebuttenpulver aus der Apotheke oder dem Reformhaus zum Einsatz. Dieses wird aus den Schalen und Samen der Früchte hergestellt und lindert bei Arthrose die oftmals quälenden Gelenkschmerzen und verbessert so auch die Bewegungsfähigkeit der Patienten. Für die entzündungs- und schmerzhemmende Wirkung wird die Galactose verantwortlich gemacht. Galactose ist ein lebenswichtiger Einfachzucker, der die Entgiftung des Körpers unterstützt. Galactose bindet zum Beispiel Ammoniak, das bei einer Lebererkrankung oft nicht mehr richtig ausgeschieden werden kann. In Mehlbeeren kommt das Monosaccharid in einer ganz bestimmten, besonders wirksamen Form vor. Diese enthalten Galaktolipide, bei denen Galaktose in ein Lipidmolekül integriert ist, was die Bioverfügbarkeit des Stoffs verbessert.

Hagebuttenpulver wird außerdem als Nahrungsergänzungsmittel eingesetzt, das den Körper mit wichtigen Mikronährstoffen versorgen und so den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern soll. Das Hagebuttenpulver zur Nahrungsergänzung wird in Apotheken, Reformhäusern und Bio-Supermärkten angeboten und kann übers Müsli gestreut oder in Getränke eingerührt werden. Besonders gerne wird Hagebutte in Smoothies eingesetzt, wo es auch eine leicht bindende Wirkung entfaltet und die Flüssigkeit eindickt.

Als vielseitiges Heilmittel gilt auch Hagebuttentee, der vor allem wegen seines hohen Gehalts an Vitamin C sowohl vorbeugend als auch therapeutisch bei der Behandlung von Erkältungskrankheiten eingesetzt wird. Wegen seiner milden Wirkung wird er auch Schwangeren empfohlen. Hagebuttentee gilt außerdem als Geheimwaffe beim Kampf gegen überflüssige Pfunde. Dabei soll der Tee nicht nur das Immunsystem stützen, dass unter einer Reduktionsdiät fast immer leidet. Der Tee gilt auch als effektiver Appetitzügler. Diese Wirkung des Hagebuttentees wurde bisher aber nicht wissenschaftlich untersucht. Es ist auch nicht bekannt, welchem Wirkstoff des Tees die appetitzügelnde Eigenschaft zugeschrieben werden kann. Wenn Du ein paar Pfund abnehmen willst, solltest Du das einfach einmal selber ausprobieren. Hagebuttentee ist preisgünstig und bekömmlich. Selbst wenn dein Hungergefühl nicht nachlässt, ist der Tee immer noch ein gesunder Durstlöscher, der Deinen Körper nahezu kalorienfrei mit ausreichend Flüssigkeit versorgt und dabei Deinen Eisenspiegel stabilisiert. Hagebuttentee kannst Du übrigens auch ganz einfach selber herstellen. Dazu musst Du den Sommer über nur einige der Früchte ernten und anschließend trocknen und zerkleinern. Beim Sammeln der Beeren solltest Du darauf achten, dass die Sträucher nicht an dicht befahrenen Straßen stehen oder an den Rändern von Obstplantagen oder Feldern, die mit chemischen Pflanzenschutzmitteln behandelt werden. Breitere Waldwege sind meist die beste Option. Für eine Tasse brauchst Du etwa zwei bis drei Kaffeelöffel getrocknete Früchte, die mit heißem Wasser übergossen werden. Der Tee muss etwa zehn bis fünfzehn Minuten ziehen, bis er trinkfertig ist. Wundere Dich bitte nicht über die blasse Farbe. Hagebutte Tee aus dem Laden ist nur deshalb tiefrot, weil ihm Hibiskus zugesetzt wird. Der reine Hagebuttentee ist eher blassrosa. Wenn Dir die intensive Farbe fehlt, kannst Du auch selbst Hibiskusblätter beimengen. Manche Menschen geben während der Sommerzeit auch einige frische Beeren in den Tee. Das steigert den Vitamin C-Gehalt und das Aroma und sieht auch noch besonders schön aus.

Hagebutten als Delikatesse

Der hohe Gehalt an Ascorbinsäure sorgt auch dafür, dass Hagebutten stark säuerlich schmecken. Aus diesem Grund werden sie heutzutage nur mehr selten roh gegessen. Sehr beliebt sind sie in vielen Gegenden aber nach wie vor in der Form von Hagebuttenmark. Dabei handelt es sich um eine Art Konfitüre, die aber nicht nur als Brotaufstrich, sondern auch zum Süßen von Getränken, Pudding und Mehlspeisen verwendet wird. In Franken werden außerdem die Berliner, die dort Krapfen heißen, traditionell mit Hagebuttenmark gefüllt.

Auch Hagebuttenmarmelade kannst Du selbst herstellen. Für etwa vier Gläser Marmelade benötigst Du ca. 1.300 Gramm frische Früchte. Die Früchte müssen zunächst von den Stielen und Blütenansätzen befreit und anschließend gut gewaschen werden. Danach kochst Du die Früchte etwa eine Stunde in Wasser. Sobald die Früchte weich sind, werden sie abgesiebt und anschließend mit einem Pürierstab oder einem Mixer zerkleinert. Die Fruchtmasse muss dann gesiebt werden, um die Kerne der Hagebutte weitestgehend zu entfernen. Wenn Du einen Hochleistungsmixer verwendest, sparst Du Dir diesen Arbeitsschritt, da die Kerne dann soweit zerkleinert werden, dass sie in der Masse untergehen. Ob der Verzehr der Kerne allerdings gesund ist, ist stark umstritten. Bei einigen Menschen führen die Kerne zu Magenbeschwerden.

Das (gesiebte) Hagebuttenmus gibst Du wieder in einen Topf und mischt es mit 350 Gramm Zucker, einem Päckchen Geliermittel sowie einem Teelöffel Zimt und einer Prise Kardamom. Anschließend wird noch ein Viertel Liter Wasser zugefügt und das ganze unter ständigem Rühren drei bis vier Minuten gekocht. Wenn die Masse zu dickflüssig ist, kannst Du mehr Wasser zugeben. Im letzten Arbeitsschritt wird die Marmelade in saubere Gläser gefüllt, die Du sofort fest verschließen und für einige Minuten auf den Deckel stellen musst. Schon ist die köstliche und gesunde Konfitüre fertig. Probieren solltest Du sie aber erst, wenn die Gläser abgekühlt sind.

Was hat es mit dem Juckpulver auf sich?

Zum Schluss wollen wir jetzt aber doch nochmal auf das Juckpulver zu sprechen kommen. Während die Früchte selbst völlig harmlos sind, werden die Samen im Inneren von winzigen kleinen Härchen bedeckt, die mit ihren Widerhaken an der Haut hängen bleiben und dabei einen äußerst unangenehmen Juckreiz auslösen. Diese Widerhaken sind auch der Grund, warum vom Verzehr der Samen oft abgeraten wird. Als Basis für ein richtig fieses Juckpulver eigen sie sich aber geradezu perfekt. Wer das selber einmal ausprobieren will, braucht dafür nicht viele Zutaten. Für die Herstellung von Juckpulver gilt je reifer die Frucht, desto besser. Ideal sind Hagebutten, die erst im Spätsommer oder im Herbst gesammelt werden. Aus diesen werden dann die Samen vorsichtig und am besten mit einem Rosenholzstäbchen entfernt und getrocknet. Sobald die Samen trocken sind, können sie auch schon eingesetzt werden. Besonders fiese Kinder haben das Pulver früher ihren Mitschülern in der ersten Pause in den Kragen geschüttet. Die Opfer waren dann bis Schulschluss damit beschäftigt, sich zu kratzen. Unter Erwachsenen taugt Juckpulver aber allenfalls als Karnevalsscherz und auch da solltest Du sicherstellen, dass die Zielperson kein Allergiker ist.